Abendvortrag “Das Geschäftsmodell des Kolportagebuchhandels im 19. Jahrhundert: Autoren – Produkte – Händler”

24.06.2021 / 19:00 / Online

Die Tagung Kolportage-Literatur: Textverfahren, Medien und Distributionsformen populärer Literatur im Vor- und Nachmärz eröffnet Prof. Dr. Christine Haug (München) mit einem Abendvortrag, der die Kolportage-Literatur des 19. Jahrhunderts aus buchwissenschaftlicher Sicht vorstellt: “Das Geschäftsmodell des Kolportagebuchhandels im 19. Jahrhundert: Autoren – Produkte – Händler”.

Eine Anmeldung ist nicht erforderlich. Zum virtuellen Vortragsraum gelangen Sie, wenn Sie diesem Link folgen: https://meeting.uol.de/b/chr-fqj-hch-q8o

Der Vortragsraum ist ab 18:45 geöffnet. Nach dem ca. 60-minütigen Vortrag besteht Gelegenheit zur Diskussion.

Die Veranstaltung findet in Kooperation mit der Landesbibliothek Oldenburg und der Bibliotheksgesellschaft Oldenburg e.V. statt.

Tagung & Ausstellung

Landesbibliothek Oldenburg, Spr XIII 4c 2a:3,131 (Detail)

Am 24. und 25.06.2021 findet die Online-Tagung Kolportage-Literatur: Textverfahren, Medien und Distributionsformen populärer Literatur im Vor- und Nachmärz statt. Das Programm der Tagung finden Sie hier:

Weitere Informationen zur Tagung gibt es hier. Eine Anmeldung ist noch bis zum 20.06. möglich unter: kolportage (at) uol.de

Für den Abendvortrag am 24. Juni ist keine Anmeldung nötig; ein Link zum virtuellen Tagungsraum steht hier zur Verfügung.

Bereits seit dem 01. Juni ist die Ausstellung zum Projekt in der Landesbibliothek Oldenburg zu sehen.

Willkommen

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Willkommen auf den Seiten des Forschungsprojekts Kolportage/Literatur!

Das Projekt erforscht eine im 19. Jahrhundert verbreitete Form von Literatur, die heute kaum noch bekannt ist und (wenn überhaupt) nur noch in Bibliotheken und Archiven zu finden ist – beispielsweise in der Landesbibliothek Oldenburg. Auf diesen Seiten finden Sie weitere Informationen zum Projekt und zur Oldenburger Sammlung populärer Lesestoffe. Außerdem stellen Studierende der Universitäten Münster und Oldenburg ausgewählte Texte der Sammlung vor. Der genaueren Erkundung dieser Kolportageliteratur dient eine wissenschaftliche Fachtagung, die im Juni 2021 in Oldenburg stattfinden wird. Im Sommer werden zudem ausgewählte Kolportageheftchen der Oldenburger Sammlung in einer Ausstellung der Landesbibliothek zu sehen sein.

An dieser Stelle stellen wir außerdem in loser Folge Merkmale von Kolportageliteratur des 19. Jahrhunderts vor, anhand von Beispielen aus der Oldenburger Sammlung.

Katharina Grabbe / Christian Schmitt

Marktszenen

In diesem Post geht es um folgendes Heftchen aus der Oldenburger Sammlung: Türkische / Grausamkeit und Edelmuth / oder / der in die Sklaverei geführte / Christ und sein Kind, / bei der Belagerung Akhalziks durch die Türken, / im Jahre 1829. Von J.F. Baumbach. Varel: Druck von F.A. Große Wittwe [1858]. Landesbibliothek Oldenburg, Spr XIII 4c 2c:2,70.

Kolportageheftchen des 19. Jahrhunderts sind eine äußerst mobile Form von Literatur. Sie wurden von Händler:innen nicht nur an der Haustür vertrieben, sondern vor allem auch auf Jahrmärkten und Festen angeboten, oft im Anschluss an multimediale Darbietungen, die auch als ‚Bänkelsang‘ bezeichnet werden. So erreichten diese populären Lesestoffe auch Bevölkerungsschichten, die sonst kaum mit Literatur in Berührung kamen.

Bänkelsänger in Basel, um 1830/50 (Wikimedia Commons)

Wie man sich diese Vertriebsform und ihr Publikum vorzustellen hat, lässt sich zeitgenössischen Gemälden entnehmen – oder auch in einem Text der ‚hohen‘ Literatur nachlesen. In Ludwig Tiecks Roman Franz Sternbalds Wanderungen (1798) wird der Protagonist auf einem Jahrmarkt Zeuge einer typischen Bänkelsang-Darbietung: „Leute z­­ogen mit Bildern umher, die sie erklärten, und zu denen sich eine Menge Volks versammelte. Es waren schlechte, grobe Figuren auf Leinwand gemahlt. Das eine war die Geschichte eines Handwerkers, der auf seiner Wanderschaft den Seeräubern in die Hände gerathen war, und in Algier schmähliche Sklavendienste hatte thun müssen.“ (S. 285) Möglicherweise wurde diese ‚Geschichte eines Handwerkers‘ im Anschluss an die Darbietung dann auch als Druckerzeugnis, in Heftchenform verkauft.

Landesbibliothek Oldenburg, Spr XIII 4c 2c:2,70.

Der geringe Umfang der Heftchen und ihr typischer Aufbau erklärt sich auch aus dieser Vertriebsform. In der Regel bestehen sie aus acht Seiten: Auf ein Titelblatt, manchmal mit verkaufsfördernder Abbildung, folgen eine Prosaerzählung und ein Lied, das highlights der Erzählung noch einmal in Versform darbietet und auf dem Jahrmarkt vorgetragen werden konnte. Bei dem Heftchen Türkische Grausamkeit und Edelmuth oder der in die Sklaverei geführte Christ und sein Kind, bei der Belagerung Akhalziks durch die Türken, im Jahre 1829 ist der Verkaufsort bekannt. Eine handschriftliche Notiz auf dem Titelblatt, Old.[enburg] Schützenfest 1858, weist zudem das Jahr aus, in dem das Heftchen für die Oldenburger Sammlung erworben wurde.

Landesbibliothek Oldenburg, Spr XIII 4c 2c:2,70.

Das Titelblatt verrät noch mehr, verzeichnet es doch auch den Ort des Drucks. Das Heftchen wurde in Varel gedruckt, das damals zum Großherzogtum Oldenburg gehörte. Auch über die Druckerei (F.A. Große Wittwe) ist einiges bekannt: Die von Franz Andreas Große 1817 gegründete Druckerei gab ab 1818 auch die erste Vareler LokalzeitungDer Gemeinnützige, heraus. Diese enthielt zunächst vor allem praktische Informationen, etwa über ein- und auslaufende Schiffe. Die Gebäude des Nachfolger-Verlags Allmers befinden sich immer noch am selben Ort und beherbergen heute die Vareler Lokalredaktion der Nordwest-Zeitung. In der Oldenburger Heftchen-Sammlung finden sich noch drei weitere, thematisch unterschiedliche Heftchen aus der Druckerei Große. Vergleichsweise ungewöhnlich ist die Nennung eines Autors auf dem Titelblatt des Heftchens, J.F. Baumbach, über den weiter nichts bekannt ist.

Die Themen der Heftchen waren auf Breitenwirksamkeit angelegt. Das Kolportageheftchen Türkische Grausamkeit und Edelmuth erzählt eine abenteuerliche Geschichte, die – wie der komplette Titel zu erkennen gibt – im Russisch-Türkischen Krieg 1828–29 spielt, der mit den Griechischen Befreiungskriegen zusammenhängt, wie auch im Heftchen erwähnt wird. Ein christlicher Bewohner der Stadt Akhalzik (heute: Achalziche, Georgien) gerät mit seinem Sohn Hermann in die Fänge eines „gefühllosen grausamen Türken“ und muss schließlich „fast 12 Jahre lang“ in einem „fürchtlichen unterirdischen Kerker“ ausharren. Eine „edle Türkin“, die Tochter des grausamen Paschas, befreit ihn schließlich und zieht mit Vater und Sohn nach Russland, nachdem sie zum Christentum übergetreten ist. Die Geschichte bedient offensichtlich orientalistische Vorurteile und deutet „Prüfungen und Leiden“, wie es in einem der Prosaerzählung vorangestellten Zehnzeiler heißt, zur göttlichen Bewährungsprobe um.

Landesbibliothek Oldenburg, Spr XIII 4c 2c:2,70.

Solche Geschichten von Christen, die in der nicht-christlichen Fremde – vorzugsweise in den türkischen oder arabischen Gebieten des Osmanischen Reichs – in die Sklaverei geraten, gehörten zum gängigen Repertoire der Kolportage-Heftchen. Aus dem Jahr 1818 ist ein Kolportage-Heftchen erhalten, das eine solche Versklavungsgeschichte in Liedform darbietet. Es trägt den Titel Beschreibung der sechs deutschen Sclaven, (Handwerksburschen) welche in der Tunisischen Sclaverey über 10 Jahre am Pfluge haben ziehen müssen […] (abgedr. in: Braungart 1985, 98–107). Auch in der Oldenburger Sammlung finden sich Beispiele, darunter ein Heftchen mit dem Titel Die Christen-Sclavin als türkische Fürstin […], das 1859 im Verlag Büttner & Winter in Oldenburg erschien. Vom selben Verlag stammt auch eine zweite Version von Türkische Grausamkeit und Edelmuth.

Diesem Erzählmuster folgt offenbar auch die in Tiecks Jahrmarktszene erwähnte „Geschichte eines Handwerkers“, der „in Algier schmähliche Sklavendienste hatte thun müssen“. Tiecks Roman nutzt die Jahrmarktszene dazu, um den Unterschied zweier Literaturformen vorzuführen und zugleich festzuschreiben: Während die eine, die populäre Jahrmarktsliteratur, auf maximale Effekte aus ist und „abgeschmackte[] Neigungen“ (S. 286) befriedigt, bleibt die andere, die ‚hohe‘ Literatur, den Kennern vorbehalten. Dass diese Unterscheidung polemisch ist und an der Realität vorbeigeht, macht die Tatsache deutlich, dass die ‚hohe‘ Literatur des 19. Jahrhunderts auf dieselben Themen zurückgreift und ihrerseits bestrebt ist, breitenwirksame Medien zu nutzen und neue Leser:innenschichten zu erschließen. Sogar in Tiecks Roman findet sich eine entsprechende Szene – ein junger Ritter erzählt dem Protagonisten, wie er von Piraten gefangengenommen und als „als Sklave[] verkauft“ wurde (S. 199). Ein weiteres Beispiel ist ein Klassiker der deutschsprachigen Novellistik: In Annette von Droste-Hülshoffs Novelle Die Judenbuche. Ein Sittengemälde aus dem gebirgigten Westphalen, die erstmals 1842 als Fortsetzungsgeschichte im Morgenblatt für gebildete Leser erschien, gerät der Protagonist Friedrich Mergel in türkische Sklaverei. Inspiriert war dieser Teil der Handlung (von dem nicht ausführlich erzählt wird) von einer älteren Erzählung: der Geschichte eines Algierer-Sklaven von Drostes Onkel August von Haxthausen, die ihrerseits als Fortsetzungsgeschichte in der Zeitschrift Wünschelruthe (1818) erschienen war. Man darf wohl davon ausgehen, dass diese Erzählung von Texten, wie sie Kolportagehändler auf Jahrmärkten vertrieben, inspiriert gewesen ist.

Christian Schmitt