(Gender-)Digital-Divide

Informatik und Gesellschaft Blog über (Gender-)Digital-Divide

Content Divide

Autor: Melchior Schilewa

was ist content divide?

In der heutigen digitalen Zeit eröffnen sich mittels des World Wide Webs große neue Chancen, die den Zugang zu Informationen und Wissen ermöglichen. Im Allgemeinen geht man davon aus, dass überall und zu jeder Zeit, für alle gleich, die selben gültigen Informationen zu erhalten sind, aber dies ist bisher nur ein Anspruch und trifft nicht in allen Fällen zu.

Obwohl der Zugang zum Internet in manchen Regionen der Welt technisch noch nicht realisiert ist, kann man feststellen, dass dieser auch in Entwicklungsländern immer weiter ansteigt.

Eine bleibende Herausforderung, die dem gleichberechtigten Zugang zum Netz entgegensteht, ist die des Content Divide. Dieser Begriff beschreibt das Problem einer inhaltlichen Kluft im Internet, die verschiedene Personen und Personengruppen, abhängig von ihrer Herkunft, Bildung und dem Land, in dem sie leben betrifft, indem verschiedene Arten von Texten im Internet hinsichtlich ihrer soziokulturellen Angemessenheit, sprachlichen und kontextuellen Klarheit unterschiedlich verstanden werden. [Gl]

Der Content Divide umfasst aber auch, welche Texte überhaupt und in welcher Sprache sie vorhanden sind und ob sie für jeden oder nur für bestimmte Personen zugänglich sind.

Sprache

Deutlich merh als die Hälfte der 10 Millionen am häufigsten genutzten Internetseiten [ist] auf Englisch (Bezugsjahr 2015: 55,2 Prozent). Bei Russisch, Deutsch, Japanisch, Spanisch und Französisch lagen die Wert zwischen 5,8 und 4,0 Prozent.

[Bi17a]

Eine Ursache des Content Divides ist, wie an diesem Beispiel verdeutlicht wird, die Sprache, in der Texte und Inhalte im Internet verfasst sind. Daraus folgt, dass ein Großteil des Internets nur zu verstehen ist, wenn man die englische Sprache versteht. Zwar haben sich in den letzten Jahren auch andere Sprachen in den Vordergrund gedrängt, aber dennoch sind es damit nur 10 Sprachen, die von mehr als 75% der Nutzer im Internet verwendet werden. [Gr19]

This must necessarily mean that many people are forced to surf the internet in English, as the majority of the content is found in that language.

[Gu05]

Hierdurch fehlt in nicht-englischsprachigen Ländern verständlicher und relevanter Inhalt im Internet und es fehlen auch sogenannte Content-Creators in den jeweiligen Sprachen [BA]. Damit verschwinden inhaltliche Angebote aus diesen Ländern weitgehend aus dem Internet sowie ihrer dort vertretenen internationalen Wahrnehmung, besonders gegenüber den Inhalten der mehrheitlich vertretenen Sprachen. Ebenso führt es auch dazu, dass lokale Ansichten verdrängt werden, beziehungsweise von anderen Personen aus anderen Teilen der Welt beschrieben werden. Es hat direkte Auswirkungen darauf, welche Inhalte für welche Nutzer dargestellt werden.

Rich countries largely get to define themselves and poor countries largely get defined by others.

Mark Graham [Yo]

Auffällig zeigt sich dieser Effekt bereits bei Wikipedia, wo ebenfalls die meisten Artikel auf Englisch verfasst sind und sich auch die zehn meist genutzten Sprachen in den Top 1 000 000+ geschriebenen Artikeln wiederfinden [spr]. Zudem lässt sich aus der Entwicklung der Artikelanzahlen vermuten, dass sich dieser Trend in der nächsten Zeit nicht ändern wird.

Wikipedia Entwicklung [spr]

In weiteren Sprachen existieren vergleichbar wenige bis keine Artikel. Hierdurch ergibt sich eine markante Asymmetrie in der Darstellung der Welt und man sieht, dass die Informationsvielfalt im Internet und die damit verbundenen Chancen in anderen Sprachen völlig unterschiedlich sind [Yo]. Betrachtet man hierzu die geogetaggten Artikel von Wikipedia sieht man, dass englisch-sprachige Artikel weltweit erstellt werden, während Artikel in anderen Sprachen in deutlich weniger Teilen der Welt verfasst werden und in diesen somit weniger Content produziert wird.

Geogetaggte Wikipedia Artikel [Yo]

The famous engine [Google] that recognises 30 European languages recognises only one African language and no indigenous American or Pacific languages.

Daniel Prado [Yo]

Diese beschriebene Asymmetrie findet sich auch bei der Verwendung von Suchmaschinen wieder, für die beispielhaft Google als weltweiter Marktführer betrachtet wird.

Unsere Mission: Die Informationen dieser Welt organisieren und allgemein zugänglich und nutzbar machen.

Google [goo]

Trotz des an sich selbst gestellten Anspruch erhält man bei der Suche in verschiedenen Sprachen nicht nur unterschiedlich viele Ergebnisse, was einfach von den vorhandenen Artikeln in der jeweiligen Sprache abhängig ist, sondern auch inhaltliche Differenzen. Dies konnte man beispielhaft bei einer Untersuchung feststellen, bei der im Westjordanland nach einem Restaurant in Hebräisch, Arabisch und Englisch gesucht wurde: Je nach Sprache wurden Restaurants in unterschiedlichen Stadtteilen angezeigt wie man in folgender Abbildung sehen kann. Besonders die Suche in Arabisch liefert andere Ergebnisse von Restaurants, die weit entfernt vom Zentrum liegen, entgegen denen, die man bei der Suche in Englisch oder Hebräisch findet.

Restaurants im Westjordanland [Yo]

Hieraus lässt sich erkennen, dass nicht nur eine Kluft in der digitalen Welt existiert, sondern dadurch auch eine Segregation von Menschengruppen in der Realität erfolgt.

Eigentum in internet

Das Internet gewährt einfachen und kostenlosen Zugriff auf viele Inhalte und bietet damit neue Chancen für Entwicklungsländer in Forschung, Bildung und Sozialwesen. Dieses Potential kann aber aufgrund von Eigentumsrechten und Vermarktungsstrategien, einer Monetarisierung von Content, verloren gehen.

Auch wenn einem im alltäglichen Leben dieses Problem nicht allgegenwärtig erscheinen mag (man kann gut im Netz surfen ohne für Content bezahlen zu müssen), trifft es zu, dass viele dieser Inhalte von unterschiedlicher Qualität sind und man oft auf einmalige Kosten oder kostenpflichtige Abonnements stößt, wenn man “qualitative” Informationen erhalten möchte.

Betrachtet man diesen Aspekt der Privatisierung des Internets für wirtschaftliche Zwecke in Hinsicht auf Bildung in Entwicklungsländern, in denen Informationstechnologien eine wichtige Rolle zur Verbesserung eben dieser Bildung spielen, hat eine solche Entwicklung eindeutige negative Auswirkungen, da zusätzliche Kosten beim Erwerb von Materialien entstehen. Es stellt sich die Frage, ob die Menschen in Entwicklungsländern, abgesehen von Sprachbarrieren, überhaupt in der Lage sind das Internet mit seinem vollen Potential nutzen zu können [Gu05]. Dies wird deutlich bei wissenschaftlichen Artikeln, Büchern und Internetseiten, für die z. B. Universitäten Lizengebühren zahlen müssen, um sie Studierenden zugänglich zu machen. Besonders bei kostenfreien Internetseiten wird man häufig von Mengen an Werbung überschüttet, sodass man die gleichen Informationen nicht auf die gleiche Art und Weise lesen kann oder sogar inhaltlichen Einschränkungen gegenüber steht.

Lösung durch Free Basics?

“Free Basics” ist eine App von Facebook mit dem Ziel, den Digital Divide zu schließen und das Internet in Entwicklungsländern und für arme Menschen zugänglich zu machen, indem diverse Online Services und Webseiten kostenfrei und in der Landessprache angeboten werden. Dafür wird der Traffic über einen speziellen, Facebook eigenen Proxy-Server geleitet, wobei Metadaten gesammelt und gespeichert werden, sodass kein Limit für Datenverbrauch besteht und für diese Personen keine Kosten bezüglich mobiler Daten anfallen.

Dienstleistungen der Free Basics App [ad17]

Das Interface der Free Basics-App bietet verschiedene Web-basierte Services an, mit denen einfache Versionen von anderen Originalwebseiten verfügbar gemacht werden, allerdings meist ohne Bilder und Videos, meist nur in reduzierter Textdarstellung.

Dabei werden diese Services in zwei Bereiche eingeteilt (Tier One und Tier Two), die dem Nutzer an primärer Stelle Dienste privater Unternehemen aus den USA, oft nur in englischer Sprache anbieten. Lokal relevanter Content findet sich auf dieser Ebene eher nicht, auch wird keine E-Mail-Plattform angeboten. Erst auf einer zweiten, über ein weiteres Untermenü erreichbaren Ebene finden sich differenzierbare Angebote.

Damit zeigt sich, dass Facebook das vermeintliche Ziel den Digital Divide zu überbrücken deutlich verfehlt. Hinzu kommt, dass die Privatsphäre der Nutzer nicht geachtet und die Daten zum gesamten Umgang mit der App gesammelt werden, auch zu Drittanbieter-Diensten.

Da es Grundsätze der Netzneutralität und Privatsphäre verletzt, ein Ungleichgewicht für lokale Inhalte im Netz unterstützt und es den Menschen nicht ermöglicht das “globale Internet” zu erforschen, schafft es ein “armes Internet für arme Leute” [ad17]. Daher wurde Free Basics auch schon als “Digitaler Kolonialismus” bezeichnet. [La19b]

Ausblick

Der Content Divide ist ein Problem, welches von verschiedenen Faktoren beeinflusst wird und auf die eine oder andere Weise jeden, der das Internet nutzt, betrifft. Aber auch dieser befindet sich im Wandel: Mittlerweile sind mehr Sprachen im Internet vertreten und Sprachbarrieren können mit immer besseren Übersetzungsprogrammen überwunden werden. Zudem gibt es viele kostenlose Alternativen zu sonst kostenpflichtigen Diensten und Inhalten. Dennoch müssen gezielte Lösungsstrategien in der Politik verfolgt werden, die z.B. die digitale Bildung betreffen, sodass jeder in der Lage ist, einen Nutzen aus dem Internet zu ziehen.

Without concrete policies and plans of action, the Internet will become a technological tool that is accessible only to a certain elite while perpetuatin the ‘digital divide’.

frank larue [ad17]

Literatur

[ad17] advox, G.V.: Free Basics in Real Life, Juli 2017.

[Ba] Baase, S.: A Gift of Fire. In. Pearson, S. 349.

[Bi17a] für politische Bildung, B.: Digital Divide, Juli 2017, url:
https://www.bpb.de/nachschlagen/zahlen- und- fakten/
globalisierung/52708/digital-divide, Stand: 18.01.2020.

[Gl] Global, I.: What is Content divide, url: https://www.igi- global.com/
dictionary/influence-cultural-linguistic-orientations-sultan/5543,
Stand: 18.01.2020.

[goo] Google – Info, url: https://about.google/, Stand: 18.01.2020.

[Gr19] Group, M. M.: Internet World Users By Language, 2019, url:
https://www.internetworldstats.com/stats7.htm, Stand: 18.01.2020.

[Gu05] Guadamuz, A.: The Digital Divide: It’s the Content, Stupid!/, Aug.2005.

[La19b] Lavoie, S.: Privacy is the new Digital Divide, Apr. 2019, url:
https://onezero.medium.com/privacy-is-the-new-digitaldivide-
e06f6e5ca7fe, Stand: 18. 01. 2020.

[spr] Wikipedia:Sprachen, url: https://de.wikipedia.org/wiki/
Wikipedia:Sprachen, Stand: 18.01.2020.

[Yo] Young, H.: The digital language divide, url: https : / /
labs.theguardian.com/digital- language- divide/, Stand: 18.01.2020.

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