(Gender-)Digital-Divide

Informatik und Gesellschaft Blog über (Gender-)Digital-Divide

Ursachen des GDD

Abstract: Wie die Eltern so die Kinder? Wie Klischees unser tägliches Bild von Männern und Frauen in der digitalen Welt verändern, was es für Förderprogramme für Mädchen gibt und was das alles mit Schule und Bildung zu tun hat: Die Ursache(n) und (mögliche) Lösungen des Gender-Digital-Divides werden in diesem Artikel behandelt.

Keywords: Klischee; Stereotyp; Bildung; Förderprogramme

1. Der Gender-Digital-Divide

Der Begriff des ‘Gender-Divides’ steht für eine geschlechtliche Separation, doch nicht nur gesellschaftlich lässt sich diese beobachten sondern auch im Hinblick auf Technik. Der ‘Gender-Digital-Divide’ bezeichnet ,,ökonomische, soziale und kulturelle Hindernisse, die die Zugänglichkeit, den Nutzen und die Vorteile von IKT für Frauen verhindern oder einschränken“ [Ki18]. Um diesem Problem entgegenzuwirken, muss schon früh angefangen werden, Frauen und Mädchen IKT nahe zu bringen. An dieser Stelle müssen die Begriffe des Selbstkonzeptes und Stereotyps erklärt werden, um darauf aufbauend Lösungsansätze formulieren zu können.

1.1 Untersuchung des Interesses

Als Selbstkonzept ,,versteht man das Gesamtsystem der Überzeugungen zur eigenen Person und deren Bewertung. Dazu gehört u. a. das Wissen über persönliche Eigenschaften (Persönlichkeitsmerkmal), Kompetenzen, Interessen, Gefühle und Verhalten“ [Dorsch]. Bereits 1991 haben Metz-Göckel et al. herausgefunden, dass ,,Mädchen und Jungen grundsätzlich gleiche Fähigkeitspotenziale“ [Me91] besitzen, die Technik also in gleichem Maße bedienen können. Dennoch schätzen sich rund 40% der schulpflichtigen Mädchen als technisch weniger begabt ein als Jungen, was zum Teil an der fehlenden Praxis und Begegnung mit der Technik liegt, andererseits aber auch von Seiten der Jungen ausgelöst wird. [RS12]

Metz-Göckel et al. haben erarbeitet, dass sich Jungen als ,,die konkurrent kompetenteren verstehen und einen Verhaltensstil haben, der die Mädchen in eine minderwertige Rolle drängt“ [Me91]. So passiert es, dass ,,Mädchen traditionelle Informatikkurse […] in der Schule in der Sekundarstufe II oft ab[wählen]“ [SS11, S.299]. Schubert und Schwill fügten hinzu: ,,Es gehen […] viele Schülerinnen auf dem Weg vom Grundkurs in den Leistungskurs verloren“ [SS11]. Dadurch würden sich Mädchen nur in ihrer späteren Berufswahl einschränken, indem sie eine informatische Grundbildung strikt ablehnen.

Haben Mädchen durch die Abwahl weniger Interesse an der Informatik? Grundsätzlich haben Mädchen weniger Interesse daran zu programmieren und den Computer in allen technischen Details zu verstehen. Vielmehr wollen sie lernen, diesen zu bedienen und mit diesem umzugehen. [Hu06]

Ebenfalls fanden Ripke und Siegeris heraus, dass, anders als bei Jungen, die Verknüpfung von Beruf und Familiengründung für Mädchen eine wichtige Rolle spielt: ,,Dabei gehen sie davon aus, dass ihr Zukunftsentwurf am besten mit traditionellen Berufen gelebt werden kann“ [RS12], wie Pflegeberufe oder Dienstleistungen. Dort spielen Informatikkenntnisse eine eher untergeordnete Rolle, weswegen es ,,für das Mädchen daher auch nicht einsichtig [ist], dass es sich mit diesen Gegenständen beschäftigen soll“ [RS12]. Hier greift das stereotypische Bild eines Informatikers.

1.2 Stereotypen und Klischees

Als Stereotyp versteht man die ,,[…] im Alltagswissen präsente Beschreibung von Personen oder Gruppen, die einprägsam und bildhaft ist und einen als typisch behaupteten Sachverhalt vereinfacht auf diese bezieht [; es sind] relativ starre, überindividuell geltende beziehungsweise weit verbreitete Vorstellungsbilder“ [19c].

Die Informatik ,,ist in der Gesellschaft männlich konnotiert und Vorurteile gegenüber dem Berufsbild des Informatikers herrschen vor“ [RS12]. Ebenso wird in der Nutzung des Computers eine einseitige Beschäftigung gesehen, die den Wunsch der Mädchen „nach Beziehung und Kommunikation mit Menschen nicht befriedigt“ [RS12]. Dadurch sei die Wandlung der Berufsbilder in der Informatik hin zu mehr Interdisziplinarität, Interaktion und Kommunikation in den Schulen und bei Berufsberatungen kaum bekannt und „wird […] zu wenig durch die Informations- und Kommunikationsunternehmen und deren Verbände verbreitet“ [RS12].

Das Fazit: Mädchen verbinden immer noch stumpfes Programmieren, viel Technik und wenig zwischenmenschliche Kommunikation mit Informatik – von zunehmender Arbeit im Team, regelmäßigem Kundenkontakt und Spaß am Tüfteln und Knobeln beim Lösen von IT-Problemen wissen sie nichts. [RS12]

In einer Studie von Brauner et al. im Jahre 2018 wurden 112 Sechstklässler hinsichtlich folgender Punkte untersucht: 

  • Untersuchung der Selbstwirksamkeitserwartung im Umgang mit Technik,
  • Untersuchung des Interesse an informatischen Zusammenhängen,
  • Untersuchung der mentalen Modelle von Informatiker_Innen (Aufgabe „Zeichne einen Menschen, der im Bereich Informatik arbeitet“).
    [Br18]

Die Ergebnisse: Der Großteil der gezeichneten Informatiker_Innen war männlich (67,7%), wohingegen nur ca. jede fünfte Darstellung eine weibliche Person gezeigt hat (19,2%). Die gezeigten Situationen erzeugten eine eher negative Stimmung bei den Teilnehmer_Innen. Die Personen wurden allerdings als sehr intelligent und attraktiv dargestellt und in ca. der Hälfte der Zeichnungen fand sich ein Computer wieder.

Angelehnt an die Umfrage von Brauner et al., hat A. Daudrich 2019 ihre Bachelorarbeit den Klischees und Vorurteilen einzelner Studienfächer gewidmet und Studenten befragt. Wenn es um eine potenzielle Partnersuche geht, wurde das Fach Informatik als am wenigsten attraktiv empfunden, gefolgt von Kunst, Physik und Politik. Im Gegensatz dazu wurde Sport, Englisch oder Deutsch als eher attraktiv eingestuft. Was die Geschlechterverteilung anbelangte, wurde Kunst, Englisch und Deutsch eher weiblichen Studenten zugeordnet, wohingegen Informatik auf Platz eins der männlichen Studienfächer landete, gefolgt von Physik und Mathe. [Da19]

Abb. 1: Werbeposter [Gu17]

Diese Klischees sind bereits seit den 1980er bekannt (vgl. Abb. 1) und setzen sich auch heute noch fort: 2009 und 2010 veröffentlichte PONS ‘Textaufgaben für Mädchen’ und ‘für Jungs’, weil ,,Mädchen/ Jungs anders lernen“ [PONSMaedchen09]; [PONSJungs09]. Ein direkter Seitenvergleich von Seite 21 beider Bücher zeigte, dass nicht alle Aufgaben umgeschrieben wurden, um ,,dem anderen Lernen der Mädchen gerecht zu werden“ [PONSMaedchen09]; [PONSJungs09] sondern die Stereotypen und Klischees auch hier weiterhin aktiv bedient werden, wie in Abb. 2 zu sehen ist.

Wie soll diese Ungleichheit reduziert, wie der seit Jahrzehnten vorherrschende ,,Gender Gap“ geschlossen werden? Bereits im Unterricht kann einiges verändert werden. Schubert und Schwill zeigten 2011 verschiedene Ansätze, wie der Informatikunterricht kommunikativer und lebensnaher gestaltet werden kann. Eine Möglichkeit wäre, Gruppenarbeiten und Diskussionen im Unterricht anzuregen, da die Informatik erhebliche Anforderungen an sprachliche und zwischenmenschliche Fähigkeiten stellt. Nur so kann der Stereotyp des Nerds, der alleine hinter dem Computer arbeitet, widerlegt werden. Eine weitere Alternative wäre es, die Wahlkurse als Pflichtfach in Schulen einzuführen, wodurch beide Geschlechter zu gleichen Teilen angesprochen werden und ein ausgeglichenes Geschlechterverhältnis in diesen Kursen erzielt wird. Zudem kann so das Interesse zu IKT bereits vor der Pubertät geweckt werden. [SS11]
Einziges Manko hier ist der aktuelle Lehrermangel von Fachkräften, die Informatik unterrichten könnten. [19a]

Abb. 2: Vergleich S.21 beider Bücher

1.3 Förderprogramme als eine
Lösung des GDD?

Eine letzte Möglichkeit, die von vielen Mädchen gerne angenommen wird, sind Mädchenförderprogramme. Beispiele hier sind die Initiativen Smile Smart IT, Girls Who Code und App Camp For Girls. Jedes dieser Programme bietet Mädchen die Chance, sich mit IKT, Technik und der Informatik auseinanderzusetzen. Die Mottos klingen ebenfalls sehr ansprechend: Girls Who Code wirbt mit dem Slogan ,,Girls Who Code is on a mission to close the gender gap in technology and to change the image of what a programmer looks like and does“ [20], App Camp For Girls möchte Mädchen inspirieren: ,,Inspiring and empowering girls, transgender, and gender nonconforming youth to pursue careers in technology“ [19b] und ,,Gender equality in the technology industry“ [19b]. Nachteile hier sind die kurze Dauer der einzelnen Programme: Während Smile Smart IT nur einmal im Jahr stattfindet, findet App Camp For Girls ausschließlich in den USA statt und auch nur für eine Woche. Girls Who Code hat keine Angabe von einer Dauer auf der Website hinterlegt, richtet sich aber nur an bereits ältere Mädchen/ Frauen, wie Studenten oder Auszubildende, was das Ziel, das Interesse an diesen Bereichen und zukünftigen Berufsmöglichkeiten bereits vor der Pubertät zu wecken, verfehlt. [Mi18]

In Deutschland hat die ‘Technische Universität München’ ein ähnliches Programm, das Schülerinnen forschen – die Herbstuniversität an der TUM heißt, für alle Schülerinnen ab der 10. Klasse offen steht und ihnen Einblicke in die Technik und Naturwissenschaft gibt [HerbstUniTUM]. Trotz der Bemühungen der einzelnen Programme, Mädchen/ junge Frauen den Zugang zu IKT zu erleichtern, richten sich doch alle eher an Hochschulabgängerinnen und können mit nur einer Woche Programm nicht viel verändern.

2. Fazit

Egal ob in der Werbung, in Fachzeitschriften oder im Bewusstsein der Gesellschaft: Technik gehört den Männern. Falsch! Die Untersuchungen haben gezeigt, das Frauen und Mädchen sehr wohl geneigt sind, sich mit Technik und Informatik auseinanderzusetzen, allerdings weniger auf einem technischen Niveau, sondern eher auf das Bedienen der Technik bezogen.

Schubert und Schwills Forderungen für einen Umbruch des Informatikunterrichts sind gut durchdacht und verbinden das Bedürfnis zur Kommunikation, die zwischenmenschliche Interaktion und Teamarbeit mit der Informatik. Förderprogramme als Abhilfe funktionieren nur für eine gewisse Zeit, nämlich für die Dauer des Programms. Und dass diese nur für Mädchen angeboten werden, verstärkt alle Klischees und stereotypischen Bilder in den Köpfen der Gesellschaft nur noch mehr. Wo sind Förderprogramme für Jungs? Wenn doch ,,Jungs und Mädchen anders lernen“, sollten gerade auch Jungs die Möglichkeit erhalten, Dienstleistungs- und Pflegeberufe kennen zu lernen. So würden Stereotypen und Klischees auf einen Schlag bekämpft und das Selbstkonzept der Jungs und Mädchen gesteigert – und der ‘Gender-Digital-Divide’ zumindest anfänglich geschlossen.

Autorin: Alina Boyan

Literatur

[19a] Aug. 2019, url: https://www.ndr.de/nachrichten/niedersachsen/Wie-viele-Lehrer-braucht-das-Land,lehrer792.html, Stand: 05.01.2020.

[19b] 2019, url: https://appcamp4girls.com/about, Stand: 05.01.2020.

[19c] Stereotyp, Nov. 2019, url: https://de.wikipedia.org/wiki/ Stereotyp, Stand: 05.01.2020.

[20] 2020, url: https://girlswhocode.com/about-us/, Stand: 05.01.2020.

[Br18] Brauner, P.; Ziefle, M.; Schroeder, U.; Leonhardt, T.; Bergner, N.; Ziegler, B.: Gender Influences On School Students’ Mental Models of Computer Science. Proceedings of Gender & IT/, S. 113–122, 2018.

[Da19] Daudrich, A.: Untersuchung des Zusammenhangs von Stereotypisierungen von Lehramtsstudierenden mit dem Informatik Lehrerkräftemangel, Diss., Universität Oldenburg, 2019.

[Dorsch] Selbstkonzept, url: https://portal.hogrefe.com/dorsch/ selbstkonzept/, Stand: 25.01.2020.

[Gu17] Guarini, D., Dez.2017, url: https://www.huffpost.com/entry/ vintage-tech-ads_n_4260926, Stand: 25.01.2020.

[HerbstUniTUM] url: https://www.schueler.tum.de/minterlebnis/, Stand: 05.01.2020.

[Hu06] Humbert, L.: Didaktik der Informatik mit praxiserprobtem Unterrichtsmaterial. Vieweg Verlag, Wiesbaden, 2006.

[Ki18] Kiran, Q.: Gender Digital Divide; Does it Exist?, März 2018, url: http://wpmu.mah.se/nmict181group1/gender-digitaldivide/.

[Me91] Metz-Göckel, S.; Frohnert, S.; Hahn-Mausbach, G.; KauermannWalter, J.: Mädchen, Jungen und Computer – Geschlechtsspezifisches Sozial- und Lernverhalten beim Umgang mit Computern. Westdeutscher Verlag, Springer, Wiesbaden, 1991.

[Mi18] Miller, D. I.; Nolla, K. M.; Eagly, A. H.; Uttal, D. H.: The Development of Children’s Gender Stereotypes: A Meta-Analysis of Five Decades of U.S. Draw-A-Scientist Studies. Child Development 89/6, S. 1943–1955, Dez.2018.

[PONSJungs09] Speicher, K.: PONS Textaufgaben für JUNGS 2.-4. Klasse, ISBN 978-3-12-561643-1, 2009.

[PONSMaedchen09] Speicher, K.: PONS Textaufgaben für MÄDCHEN 2.-4. Klasse, ISBN 978-3-12-561644-8, 2009.

[RS12] Ripke, M.; Siegeris, S.: Informatik – ein Männerfach!?Informatik Spektrum 35/5, S. 331–338, 2012.

[SS11] Schubert, S.; Schwill, A.: Didaktik der Informatik. Spektrum Akademischer Verlag, Heidelberg, 2011.

Die Bildquelle ist hier zu finden.

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